Borreliose - Zeckeninfektion mit Tarnkappe
Von Ute Fischer
Wäre Borreliose eine Firma und keine Krankheit, könnte man offen die miesen Tricks anprangern, mit der diese Zeckeninfektion Patienten und Ärzte auf falsche Fährten lockt. Wer denkt schon an eine Zecke, wenn mitten im Dezember das Knie schmerzt oder die Schulter anschwillt wie ein Brötchen?
Klaus S., KFZ-Mechaniker bei der Polizei in Nürnberg, sah die Zecke, die sich in seine Achsel festgesetzt hatte. Mehrmals hatte er beim Reparieren der Hundekäfige die neugierigen Hunde wegschieben müssen. Dabei hatte das Spinnentier wohl den Wirt gewechselt und bei ihm angedockt. Er entfernte den Parasiten. Und damit war die Sache für ihn erledigt. Einen kurzen Anflug von Grippe ein paar Tage später registrierte er als Banalität. Wochen und Monate vergingen, bis ihn Lähmungen, übermäßiger Nachtschweiß und Gelenkschmerzen, später noch Wortfindungs- und Konzentrationsstörungen in den Krankenstand trieben. Er wurde nie mehr arbeitsfähig und muss sich nun auch noch um die Berufsunfähigkeits-Rente streiten.
Auch Gabriele M. landete als erfolgreiche Abteilungsleiterin eines Finanzdienstleisters bei Hartz IV. Die Zecke hat sie nie gesehen. Eine Handteller-große Rötung wurde falsch als Ekzem diagnostiziert und mit Kortisonsalbe behandelt. Ein Jahr später schwoll ihr Knie an. Sehnenscheiden und Handgelenke schmerzten. Fibromyalgie sagte der Arzt und verschrieb Schmerzmittel. Nach und nach verlor sie ihre Konzentrationsfähigkeit. Sie lebte wie hinter einer Milchglaswand, verstand die Inhalte von Briefen nicht mehr und stoppselte mit unglücklichen Formulierungen und abgehackten Sätzen am Telefon herum. Die Hilflosigkeit, sich nicht mehr klar und gewandt ausdrücken zu können, machte sie aggressiv. Die Kollegen begannen sie zu mobben. Die Kunden zogen sich zurück. Schnell kam die Kündigung und warf sie in ein tiefes Loch. „Depression“ diagnostizierte der Hausarzt und verschrieb Psychopharmaka. Ihre selbstbewusste Persönlichkeit verwandelte sich in eine schmerzensreiche Jammergestalt. Der Ehemann wandte sich ab. Scheidung. Solche Borreliose-Schicksale sind nicht selten. Eine der Autorin bekannte Dame fand erst nach 38 Jahren und zwei Selbstmordversuchen die richtige Diagnose. Richtig gesund wird sie trotzdem nie mehr. Jedes Jahr töten sich Borreliosepatienten, weil sie die Schmerzen nicht aushalten oder das Stigma, als eingebildete Kranke gesehen zu werden.
Borreliose wird von manchen Ärzten als Modekrankheit bezeichnet, als „Internet-Borreliose“, die sich die Leute aus den Symptomen anderer im Internet anlesen. Sie wird in der Berichterstattung I
häufig auch mit FSME (Frühsommer-Meningo-Enzephalitis) in einen Topf geworfen. Das liegt daran, dass die FSME-Impfung falsch „Zeckenschutzimpfung“ genannt wird. FSME ist eine Virusinfektion, an der pro Jahr rund 300 Deutsche erkranken. Dagegen kann man sich impfen lassen. Borrelien hingegen sind Bakterien; dagegen wirkt die Impfung nicht.
Jedes Jahr infizieren sich mehr als 700.000 Menschen. Diese Zahlen sind Hochrechnungen auf Grund der von den Gesetzlichen Krankenkassen gemeldeten Diagnosen. Eine Meldpflicht existiert nur in den neuen Bundesländern. Die Ärzteorganisation Deutsche Borreliose-Gesellschaft schätzt, dass sich etwa zwei Millionen Menschen in Deutschland mit Borreliosebeschwerden herumquälen, die meisten mit Fehldiagnosen wie Fibromyalgie, Chronisches Erschöpfungssyndrom, Multiple Sklerose, Rheuma und Psychosomatik, fast immer in Verbindung mit einer Depression.
In der Europäischen Union wird Borreliose als „Seltene Erkrankung“ geführt, hauptsächlich deshalb, weil seit 1999 weder in Deutschland noch in anderen europäischen Ländern Untersuchungen zur Häufigkeit unternommen wurden. Ohne generelle Meldepflicht stehen die Chancen schlecht, das wahre Ausmaß dieser Infektionskrankheit zu definieren. Die Patientenorganisation Borreliose und FSME Bund Deutschland (BFBD), Kooperationspartner des VdK, vermutet dahinter Absicht.
Unwissen und Falschwissen verhindern die rechtzeitige Diagnose der Borreliose. Je früher sie erfolgt, umso realistischer ist die hundertprozentige Heilung. Umgekehrt gilt: Je später die Therapie beginnt, um so weniger ist der Körper in der Lage, alle Defekte zu reparieren. Die schlechte Prognose beginnt jedoch viel früher. Die wenigsten Menschen können sich an eine Zecke erinnern. Der Plagegeist saugt zwar in der Regel bis zu fünf Tagen an der gleichen Stelle. Aber der Mensch spürt das nicht, weil die Zecke beim Andocken - vorzugsweise in feuchten, gut durchbluteten Hautfalten wie Kniekehle, Achsel, Leiste, Brust, Genitalien - eine betäubende Substanz einspritzt. Das angeblich untrügliche Leitsymptom, eine sich nach etwa sieben Tagen kreisförmig ausbreitende Rötung (Erythema migrans) um die Stichstelle, zeigt sich nur bei der Hälfte der Infizierten oder sie befindet sich an nicht einsehbarer Stelle. So kann es Frauen ergehen, die im Freien in der Hocke im Gras urinieren.
Bleibt das Frühstadium unentdeckt, steigt das Risiko, dass die Infektion in ein chronisches Stadium mit schweren Spätfolgen übergeht. Die Vielfalt der Symptome wird von dem einzelnen Arzt nicht als Symptomkomplex erkannt, sondern je nach Fakultät in Einzelsymptome zersplittert. So beschäftigen sich nacheinander Neurologen, Hautärzte, Kardiologen, Orthopäden, Augenärzte, Internisten, Homöopathen und Heilpraktiker damit. Der Begriff Ärzteodyssee beschreibt das Dilemma. Zudem fehlt der Suchbegriff „Borreliose“ in den meisten Arztsuchportalen. So werden Arztadressen in Selbsthilfegruppen gehandelt wie geheime Aktientipps.
Ein kritischer Angelpunkt für Diagnose und Therapie ist das Labor. In der Regel signalisieren Antikörper im Blut frühestens nach sechs Wochen die Auseinandersetzung mit einem Erreger. Doch auch wenn die Sechs-Wochenfrist eingehalten wird, gleicht der Labortest einer Lotterie; denn es gibt keine Standardisierung unter den circa 30 verschiedenen Tests. Man kann in einem Labor positiv und im nächsten negativ sein. An dieser falschen Laborgläubigkeit scheitern rechtzeitige Therapien. Im schlimmsten Fall wird der Patient zum Psychologen geschickt oder als Hypochonder abgestempelt.
Borrelien sind geschickte Überlebenskünstler. Sie können sich tarnen, dass sie vom Immunsystem nicht erkannt werden. Sie können ihre Eiweiß-Oberfläche ändern, so wie wenn man ein rotes mit einem blauen T-Shirt tauscht. Das Immunsystem hinkt dieser Verwandlung hinterher und baut neue Antikörper, die schon wieder veraltet sind, bis sie wirksam werden könnten. Borrelien regeln unsere Temperatur und auch den ph-Wert herunter und greifen modulierend in unser Immunsystem ein, gerade so, wie sie es zum Überleben und zur Tarnung benötigen.
Borreliose ist mit Antibiotika angeblich in allen Stadien heilbar. Schubweise Rückfälle nach zu niedrig und zu kurz dosierter Medikation zermürben allerdings manche Patienten bis zur Selbstaufgabe. An der Kostenlast des Gesundheitswesens kann es nicht liegen. Eine Frühdiagnose und -therapie kostet im Schnitt 100 Euro. Im Spätstadium werden Kassenpatienten meist auf Verlegenheitsdiagnosen abgewimmelt. Privatpatienten addierten schon 100.000 Euro und mehr für aufwändigere Therapien, für die es aber auch weder Studien noch eine Therapiekontrolle gibt. Es gibt noch keine sicheren Parameter, ob eine Borreliose geheilt ist oder ihre Erreger sich nur verstecken, bis das Immunsystem wieder schwächelt.
Wo droht Borreliose-Gefahr?
Zecken mit Borrelien sind über die bekannten Risikogebiete für FSME hinaus flächendeckend auf der nördlichen Erdkugel anzutreffen. Ihr Lebensraum beschränkt sich nicht auf den Wald, sondern sie sind überall, wo sich Mäuse und Ratten aufhalten: in Wiesen, Parks, Gärten, auf Spielplätzen und Liegewiesen, sogar in Speicherhäusern fern grüner Büschel.
Vorbeugung
Nach jedem Ausflug ins Grüne soll man sich gründlich absuchen. 80 Prozent der am Menschen gefundenen Zecken sind Nymphen. Die Zeckenmädchen sind im ungesogenen Zustand nur einen Millimeter groß und sehen aus wie ein schwarzer Punkt. Den eigenen Garten testet man mit einem weißen Frottiertuch, das über Gras und Büsche gezogen wird. Zecken lassen sich damit abstreifen. Sie überleben in abgelegter Kleidung bis zu fünf Tagen. Tiefkühltruhe und Waschgänge bis 60° Celsius überstehen sie problemlos. Kleidung, die man am nächsten Tag nochmals anziehen möchte, wird im Trockner "entschärft".
Zeckenentfernung
Je eher eine Zecke entfernt wird, umso geringer ist das Risiko einer Infektion. Dazu muss alles vermieden werden, was die Zecke quetscht. Am besten geeignet sind Zeckenkarten, spitze Splitterpinzetten oder notfalls ein Taschenmesser, mit dem man hautnah unter die Zecke fährt und ihren Stechrüssel abschneidet. Ein verbleibendes Restchen eitert von alleine heraus oder man lässt es vom Arzt entfernen. Drehbewegungen sind unnötig. Die Zecke hat weder ein Gewinde noch einen Kopf, sondern einen dübelartigen Stechapparat.
Die Zecke untersuchen?
Davor raten Experten ab, weil eine positiv getestete Zecke nichtautomatisch bedeutet, dass sie Borrelien übertragen hat. Noch gibt es keine wissenschaftliche Empfehlung für eine wirksame Prophylaxe-Therapie. Sie könnte Anfangssymptome unterdrücken und später doch auftretende Beschwerden in eine falsche Richtung lenken. Umgekehrt führt auch eine negativ getestete Zecke diagnostisch in die Irre. Selbst wenn ein Mensch Borreliosesymptome zeigt, kann es ihm passieren, dass er unter Hinweis auf die negative Zecke keine Therapie erhält, weil sich niemand vorstellt, dass eine zweite unbemerkte positive Zecke ebenfalls zugestochen hat.
Berufskrankheit
Borreliose ist eine Berufskrankheit, die bei der Gesetzlichen Unfallversicherung (Berufsgenossenschaft) unter der Nummer 3102 geführt wird. Rechte und Ansprüche erwirbt jeder, der diese Erkrankung in Ausübung seines Berufes sowie auf dem Weg von und zur Arbeit erleidet. Doch die Versicherungen, egal ob gesetzlich oder privat, winden oder verweigern sich mit teils auffallend inkompetenten Gutachtern. So wird zunehmend sogar Landwirten, Gartenbau- und Waldarbeitern unterstellt, dass sie ihre „Berufskrankheit“ wohl im privaten Garten erlitten und deshalb auf Ansprüche zu verzichten hätten. Der BFBD rät dringend zur Durchsetzung solcher Ansprüche und ging dazu für seine Mitglieder die Kooperation mit dem VdK ein.
Erstveröffentlichung: VDK-Zeitung Juli/August 2010
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